Die Gesundheits-Reports der großen Krankenkassen stellen eine große Verunsicherung im Gesundheitssystem fest. Dennoch ziehen sie es vor, weiter mit den Symptomen zu experimentieren, anstatt Ursachen erkennen und die Hintergründe akzeptieren zu wollen.
Köln, 10. Mäz 2010: Die zu Beginn des Jahres von verschiedenen Krankenkassen veröffentlichten Gesundheitsreports kommen zu dem gemeinsamen Ergebnis, dass 2009 der Krankenstand in Deutschland weiter gestiegen ist. In der Analyse dieser Entwicklung und den daraus folgenden Befunden klaffen die Antworten jedoch weit auseinander. „Insgesamt erwecken die Berichte den Eindruck, dass die Krankenkassen ratlos darüber sind, was die sich verändernden Krankheitsbilder bedeuten und vor Allem, wie diesen begegnet werden kann“, stellt Prof. Dr. Bernhard Lemaire, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) fest.
So beklagt die DAK, dass von ihren Mitgliedern „fast 10 Prozent hochgradige Schlafprobleme“ haben. Die BEK stellt fest, dass mit 18 Arztkontakten im Jahr Deutschland im europäischen Vergleich Spitzenreiter bei der Häufigkeit von Arztbesuchen ist. Und die BKK betont: „Psychische Erkrankungen mit 10 Prozent aller Krankheitstage“ nehmen mittlerweile den vierten Platz bei den Krankheitsursachen ein und die „steilsten Steigerungsraten bei psychischen Krankheiten weisen Arbeitslose auf“. Befunde, die in ihrer Gesamtheit beunruhigen müssen und die eine zentrale Frage aufwerfen: Wie kann unser Gesundheitssystem in Anbetracht der vollkommenen Überforderung von Patienten, Ärzten und Krankenkassen noch gerettet werden?
Einen Hinweis auf mögliche Ursachen für die immer komplexer anmutenden psychosozialen Probleme der Patienten liefert die gemeinsame Studie der Deutschen Gesellschaft für Supervision e.V. (DGSv), des Sigmund-Freud-Instituts Frankfurt/Main und der TU Chemnitz aus dem Jahr 2009: immer häufiger auftretende turbulente Veränderungen am Arbeitsplatz führen bei den Mitarbeitern zu steigernder innerer Orientierungslosigkeit und zunehmenden Stresssymptomen. „Wenn eine solche Tendenz nicht frühzeitig erkannt wird und gezielt gegengesteuert werden kann, dann kann ein dauernder psychischer Druck schnell eine krank machende Dynamik entwickeln“, so Prof. Dr. G. Günter Voß, TU Chemnitz.
Die Krankenkassen und das Gesundheitssystem sind hier aufgefordert endlich neue Wege zu gehen. Hierzu Lemaire: „Es kann nicht sein, dass die Augen vor den Zusammenhängen weiter verschlossen, aber stattdessen Milliarden für die Bekämpfung der Symptome ausgegeben werden – oft ohne jeden Erfolg. Hier kann Supervision sinnvoll eingreifen.“ Supervisorinnen und Supervisoren haben es sich zur Aufgabe gemacht sehr früh zu erkennen, wenn sich innere psychische Unruheherde bilden. Gemeinsam können diese dann gelöst werden und so zu einer gesunden Zufriedenheit beitragen. „Innere Zufriedenheit bildet in der supervisorischen Praxis den zentralen Maßstab für Gesundheit. Erst wenn unser Gesundheitssystem sich diesem Blickwinkel öffnet, kann es Wege aus seiner Orientierungslosigkeit und Überforderung finden und das Wohlergehen der Patienten in den Mittelpunkt seiner Aktivitäten rücken. Diesen Schluss lassen die aktuellen Reports jedoch noch vermissen“, betont Lemaire abschließend.
