Stellungnahme des Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Supervision e.V. (DGSv) Prof. Dr. Bernhard Lemaire zum Jahresgutachten des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Migration und Integration (SVR) vom 19. Mai 2010
Köln, 25. Mai 2010: Das Gutachten des SVR stellt fest, dass zwischen den konkreten Alltagserfahrungen in der Einwanderergesellschaft und den hierüber geführten öffentlichen Diskursen nur noch wenig nachvollziehbare Zusammenhänge bestehen. Zahlreiche Politiker, Publizisten und Wissenschaftler attestieren Deutschland eine misslingende Integra-tionspolitik und auseinanderbrechende Gesellschaftsstrukturen. Einige Kräfte beschwören gar die Herausbildung riskanter Parallelgesellschaften herauf. Dass diese Zuschreibungen jedoch kaum der Realität entsprechen, zeigt das Integrationsbarometer des SVR eindrucksvoll.
Dieser vom Alltag entfremdete Diskurs führt zu einer künstlichen Überbetonung des Kriteriums Migrationshintergrund in der Auseinandersetzung um knappe Ressourcen wie Arbeit, Einkommen, sozialer Status oder gesellschaftliche Teilhabe. Die „ethnische Komponente“ verschärft das soziale Klima und erhöht das gesellschaftliche Spannungspotential. Letztlich können sogar entsprechende Attribuierungen die langfristige Exklusion der betroffenen gesellschaftlichen Gruppierungen aus der Mitte der Gesellschaft zementieren.
Die Ergebnisse der repräsentativen Befragung des SVR zeigen, dass nur ein dauerhafter und direkter Dialog unter Einschluss aller Akteure die entstandene Lücke zwischen Wirklichkeit und Diskurs wieder schließen kann. Dieser Dialog muss dauerhaft, nachhaltig und inklusiv angelegt sein. Im Kern der Herausforderung steht: Kann es gelingen einen derart komplexen und dynamischen Prozess gesamtgesellschaftlich so zu steuern, dass am Ende ein gemeinsames und überzeugendes Verhandlungsergebnis steht?
Jahrzehntelange Erfahrungen aus der Supervision zeigen, dass ein Erfolg bei der Gestaltung von Entwicklungsprozessen zentral von der Reflexionsfähigkeit und –willigkeit aller Beteiligten abhängt. Wir brauchen dabei eine Politik, die bereit ist, ergebnisoffen und koope-rativ zu handeln und die darauf verzichtet, kurzfristig einen „großen Wurf“ landen zu wollen. Die Fähigkeit, eigene Programme, Maßnahmen und Entscheidungen zu hinterfragen und gegebenen-falls anzupassen ist unerlässlich, soll aus einem realitätsfernen Diskurs ein produktiver und integrierend wirkender gesellschaftlicher Dialog entstehen.
