1. Einführung

Stellen Sie sich vor, Student/innen und Praktikant/innen bewegen sich frei durch Europa um zu studieren, zu beraten und um Wissen über Supervision auszutauschen. Lassen Sie uns versuchen, die Position von Supervision auf dem Europäischen Ebene aufzuwerten. Es kann mit den Früchten des ECVision-Projekts erreicht werden.

Für aufgeschlossene und reisefreudige junge Menschen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts war es nichts Ungewöhnliches, eine Abenteuerreise durch  Europa mit kurzen Studienphasen an verschiedenen berühmten Akademien oder Universitäten zu verbinden. Ein betuchter junger Mann ging etwa von Leiden nach Göttingen auf „Kavalierstour“, um dort dann ein Semester lang die Physik des Georg Christoph Lichtenberg oder die Philosophie des Arthur Schopenhauer zu studieren, und zog dann weiter nach Oxford oder Padua, Wien, Heidelberg oder Salamanca, um „ein Semester Theologie, Naturgeschichte, Mathematik, Philologie“ oder Sonstiges zu studieren. Es gab auch Studierende, die von einem berühmten Professor zum nächsten weiterzogen, womit sie den  grenzübergreifenden Geist des freien Lernens lebten. Niemand machte sich dabei je Gedanken über die Gültigkeit von erworbenen Diplomen und Zeugnissen.  Wer würde schon die Standards von Cambridge oder Coimbra und wer die Autorität und Güte von Kant oder Hegel anzweifeln?

Natürlich war dies ein Privileg der Wenigen. Man musste zur Klasse derjenigen gehören, die Zeit für solche Bildungsreisen hatten, man musste wohlhabend  sein, man musste die Mittel haben. Doch heute, in unseren weitaus demokratischeren Zeiten, könnten durchaus viele Zugang zu solch grenzübergreifender  Bildung haben.

Lassen wir unserer Fantasie hier einmal freien Lauf. Stellen Sie sich einen Supervisor / eine Supervisorin in der Aus- oder Weiterbildung an verschiedenen  Ausbildungseinrichtungen vor, etwa von Riga bis Münster oder von Basel bis Amsterdam. Denken Sie an die Vorteile, die Ausbilder/-innen und Supervisor/innen  hätten, wenn auch sie sich frei bewegen und ihren Beruf ebenfalls grenzübergreifend ausüben könnten.

Zugegeben, dies ist noch Fantasie. Doch es ist auch ein Ideal, das nicht so weit hergeholt ist, wie es scheinen mag. Man bedenke nur, dass sich Studierende  auf beiden Seiten entlang der Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden an Universitäten einschreiben und zu Weiterbildungen anmelden. Deutsche  Studierende absolvieren vielleicht ein Training in der Supervision in Maastricht oder Enschede als Teil ihrer Ausbildung in der Sozialarbeit, während  niederländische Studierende im Rahmen ihrer Ausbildung in Aachen oder Köln supervidiert werden. Hinzu kommen die zahlreichen „ausländischen“  Studierenden aus ganz Europa (und darüber hinaus), denen die Coaches, Trainer/-innen und Supervisor/innen im Zuge ihrer Tätigkeit begegnen. In Amsterdam  beispielsweise ist es nicht ungewöhnlich, dass Supervisor/innen mit Gruppen arbeiten, die sich aus drei bis vier verschiedenen Nationalitäten zusammensetzen.  Gleiches gilt sicherlich für Berlin.

Die Frage ist, ob ihre Qualifikationen oder ihre Arbeitszeugnisse, Schulungen und Supervisionszertifikate über die Grenzen hinweg anerkannt werden. Wie frei  können sich Studierende und in dem Beruf Tätige sich wirklich für Studium, Weiterbildung, Coaching, Wissensaustauch oder Supervision durch Europa 
bewegen? Bis heute ist dies nicht so einfach, wie es sein sollte. Was tut ANSE, um in dieser Situation Abhilfe zu schaffen? 

2.Was wird benötigt?

Es sollte für Supervisor/innen möglich sein, sich im europäischen Raum frei und ungehindert zu bewegen, um gemeinsam zu lernen und zu arbeiten. Um die  grenzübergreifenden Möglichkeiten für Studierende und Berufstätige im Bereich fachliche Orientierung zu schaffen, sucht ANSE weiter nach Wegen, um die  eigene Position zu stärken und zugleich die Position der Supervision auf europäischer Ebene aufzuwerten.

Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass dies durch die Früchte des Projekts ECVision erreicht werden kann. Das ECVision-Glossar gewährleistet die  Vergleichbarkeit von Begriffen, Definitionen und rechtlichen Strukturen, und die ECVision-Kompetenzmatrix bietet die Vergleichbarkeit von Kompetenzen und  Qualifikationen in der Supervision durch die Beschreibung der Lerninhalte.

Der aktive Gebrauch dieser Dokumente in ganz Europa, primär durch die Ausbildungseinrichtungen und bei der nationalen Qualitätsentwicklung, würde nicht nur den grenzübergreifenden Austausch und das gegenseitige Verständnis fördern, sondern auch dazu beitragen, einen gemeinsamen europäischen Standard für  Supervision und Coaching zu schaffen. Dies ist eines der wichtigsten mittel- bis langfristigen Ziele der ANSE-Strategie.

Jedoch bedarf es für die Freizügigkeit unserer Supervisor/innen auch der gegenseitigen Anerkennung der eingetragenen Mitglieder und anerkannten  Ausbildungen des jeweils anderen Landes sowie des freien grenzübergreifenden Zugangs zu Arbeit und Jobs für die im Beruf Tätigen.

3. Was ist zu tun?

Glücklicherweise stand uns nach der ECVision-Abschlusskonferenz in Wien im vergangenen Jahr eine reiche Fülle an Vorschlägen zur Verfügung.

  • ECVision-Follow-up. Wir werden die Verbreitung und Implementierung des ECVision-Glossars und des „Europäischen Kompetenzprofils“ im Rahmen von ECVision aktiv fördern. Zu diesem Zweck werden wir die aktive Kooperation nationaler Organisationen und Ausbildungseinrichtungen anstreben.
  • Projekt Gegenseitige Anerkennung und Qualitätsmanagement. Zusammen mit den nationalen Organisationen schlagen wir vor, Verfahren für die Umsetzung dieser Strategie auszuarbeiten. Es erscheint geboten, den Prozess der Gegenseitigen Anerkennung mit der Agenda Qualitätsmanagement zu verbinden und auch Verbindungen zum ECVision-Kompetenzprofil zu schaffen. Die Bedeutung dieses Projekts ist klar: Eine gegenseitige Anerkennung stärkt den Stellenwert unseres Berufs, was uns allen zum Vorteil gereicht. Europaweit wird jeder einzelne Supervisor / jede einzelne Supervisorin hiervon profitieren. Die europäische Anerkennung unseres Berufs ist ein wesentlicher Schritt vorwärts, was unsere Berufspolitik angeht. Selbst wenn sich nicht alle Supervisor/innen von Ort zu Ort bewegen, werden es künftige supervidierte Studierende und Berufstätige tun. Die Anerkennung in Europa bedeutet auch lokal eine bessere Position.
  • ANSE ist für die Förderung der Interessen unseres Berufsstands auf europäischer Ebene zuständig. Da sich andere Verbände auf diesem Gebiet – z.B. die für Coaching, Personalwesen u.a. – ebenfalls in diese Richtung bewegen, müssen wir ein ausreichendes Tempo vorlegen, um unsere geistige und berufliche Eigenständigkeit und Kompetenz („Ownership“) sowohl lokal als auch international zu sichern.
  • Europäischer Berufsausweis (European Professional Card – EPC) für Supervisor/innen und Coaches. Der EPC – wie er von der Europäischen Kommission angeregt wird – ist ein elektronischer Ausweis zur Anerkennung beruflicher Qualifikationen in EU-Ländern. Für professionelle Supervisor/innen und ihre Einrichtungen ist er sehr viel einfacher zu handhaben als die traditionellen Anerkennungsverfahren. ANSE befürwortet die Entwicklung eines solchen Ausweises zum Nutzen für alle unsere im Beruf Tätigen und zum Nutzen für unseren Berufsstand. Es liegt auf der Hand, dass gegenseitige Anerkennung für die Einführung eines EPC eine höchst wichtige Voraussetzung ist.

4. Was werden wir tun?

Große Pläne scheitern häufig aus zwei Gründen. Erstens, weil sie zu abstrakt sind und die tägliche Realität der Menschen nicht berücksichtigen. Zweitens, weil sie zu detailliert und damit zu starr und unflexibel sind und dazu neigen, die Menschen zu drängen, statt ihnen zuzuhören und mit ihnen zu kooperieren.

Daher schlägt der ANSE-Vorstand vor: 

  • Schaffung einer Atmosphäre des Vertrauens durch Treffen der (Vorstände oder Vertreter/-innen der) nationalen Verbände, Zuhören, Diskutieren, Austausch hinsichtlich der Sorgen und Wünsche, was die Agenda des EC-Vision-Follow-ups angeht.
  • Kooperation mit nationalen Organisationen und Ausbildungseinrichtungen durch Seminare und Konferenzen zur Implementierung von ECVision-Instrumenten sowie Entwurf und Förderung eines parallelen grenzübergreifenden Qualitätsentwicklungssystems
  • Einbeziehung des Austauschs von Forschungsergebnissen in den Prozess
  • Erstellen eines Fahrplans (Roadmap), der den Umsetzungsprozess ermöglichen soll
  • keinen unnötigen Zeitdruck auszuüben, aber doch zügig zur Sache zu kommen; zuzusehen, dass wir alle mit an Bord sind und bleiben und zugleich die Konkurrenz genau im Auge behalten
  • sich sorgfältig um die Position kleinerer nationaler Organisationen zu kümmern, damit diese nicht übersehen werden oder unterrepräsentiert sind
  • Wir unterstreichen: Es ist keine Sache des Drückens, sondern des Ziehens. Die Türen stehen offen. Lasst uns zusammen die Chance ergreifen und hindurchgehen.
  • Chancen betonen. Die Verwendung und Umsetzung der ECVision-Agenda voranzutreiben, die gegenseitige Anerkennung und schließlich ein EPC werden für jede/-n einzelne/-n unserer Supervisoren / Supervisorinnen und Coaches und für den gesamten Berufsstand von Nutzen sein.

Lassen Sie mich abschließend darauf hinweisen, wie wichtig und fruchtbar die aktive Unterstützung durch die DGSv wäre. Als eine der größten nationalen Organisationen innerhalb der ANSE-Community kann sich die DGSv ihrer großen Erfahrung mit Forschung, Qualitätsmanagement und Implementierungsprozessen rühmen. Es wäre großartig, wenn ANSE – um einen wichtigen Aspekt zu nennen – die Kooperation und Unterstützung von DGSv-zugehörigen Ausbildungseinrichtungen und Universitäten gewinnen könnte.

Offensichtlich ist ein solcher Prozess – bei Weitem der wichtigste, den ANSE bislang angestoßen hat – nur möglich, wenn wir alle zusammenstehen. Wir brauchen Zeit, Energie, Geduld und Vertrauen. Vor allem brauchen wir uns gegenseitig. Denn das ist es, worum es bei ANSE geht.

Zum Download: Bericht des ANSE-Präsidenten Sijtze de Roos – ECVision: Die nächsten Schritte