Die Forschungs- und Beratungswerkstatt “Organisationale Achtsamkeit und Organisationssupervision – Arbeitswissenschaft trifft Supervision” fand vom 30.-31.08.2016 in Bremen statt und wurde durch die DGSv unterstützt.

Die Arbeitswelt verändert sich rasant: Sie wird komplexer, flexibler, mobiler und damit unübersichtlicher und widersprüchlicher. Wie können in diesem Kontext Veränderungsprozesse in Organisationen achtsam gestaltet werden und welche Herausforderungen stellen sich für arbeitswissenschaftliche Ansätze und Beratungsformen wie Supervision oder Coaching?

Auf Einladung von Erhard Tietel (Zentrum für Arbeit und Politik), Guido Becke (Institut Arbeit und Wirtschaft), Eva Senghaas-Knobloch (Forschungszentrum Nachhaltigkeit) der Universität Bremen sowie Angela Gotthardt-Lorenz (Institut für Supervision und Organisationsentwicklung in Wien) haben 30 renommierte Arbeitswissenschaftler/innen und Supervisor/innen aus Deutschland und Österreich im Gästehaus der Universität Bremen zwei Tage diskutiert.

Die Tagung stiftete den Austausch zwischen zwei Forschungs- und Beratungsdisziplinen, in deren Mittelpunkt die Arbeit und der Wandel von Organisationen stehen. Es ging um Fragen der Professionalität, der guten Arbeit, der Interaktionsbeziehungen mit Kunden und Klienten und nicht zuletzt um soziale und emotionale Aspekte von Veränderungsprozessen.

An den Universitäten wurden arbeitswissenschaftliche Institute und Studiengänge in den letzten Jahren stark abgebaut. Von der Praxis hingegen wird mit Zunahme von Verunsicherung, Konflikten, psychischen Belastungen und sinkender Unternehmensbindung vermehrt arbeitsbezogene Beratung angefragt. Allein die Deutsche Gesellschaft für Supervision (DGSV), die für hohe Qualitätsstandards in der Beratung bürgt, hat gegenwärtig 4300 Mitglieder, die Beschäftigte in unterschiedlichen Arbeitsfeldern, Teams, Führungskräfte, Betriebs- und Personalräte und komplette Organisationen beraten.

Die „Werkstatttagung“ bot Gelegenheit konzeptionelle Ansätze und Fallbeispiele aus verschiedenen Zusammenhängen vorzustellen und intensiv zu diskutieren. Dr. Elisabeth Wienemann vom Institut für interdisziplinäre Arbeitswissenschaft der Universität Hannover startete mit einem Vortrag über die “Qualität von Arbeit und Kooperationsprozessen als zentrales Thema der Arbeitswissenschaft” und ging dabei vertieft auf die Frage der Arbeitsbelastungen und Kriterien für die Gestaltung gesunder Arbeit ein. Bei der betrieblichen Umsetzung gesunder Arbeit kommt ihres Erachtens der Supervision eine wichtige Rolle zu.

PD Dr. Guido Becke stellte anschließend das Gestaltungskonzept der „Organisationalen Achtsamkeit“ vor. Diesem Konzept ist daran gelegen, in enger Kooperation mit Führungskräften, Betriebsräten und Beschäftigten in der alltäglichen Praxis Achtsamkeitsroutinen zu installieren, mit denen problematische Folgen beständigen Organisationswandels (z.B. gesundheitliche Beeinträchtigungen von Beschäftigten, Erwartungskonflikte, Loyalitäts- und Vertrauenserosion) frühzeitig erkannt und konstruktiv bearbeitet werden können.

Mag. Angela Gotthardt-Lorenz führte in das von ihr entwickelte Konzept der „Organisationssupervision“ ein, auf dessen Hintergrund für Organisationen passende und hilfreiche Räume zur Reflexion beruflicher Tätigkeiten angeboten werden.  Im Rahmen jeweils spezifisch entwickelter „Supervisionssettings“ können – wie an Fallbeispielen aus dem Bereich Krankenhäuser demonstriert –  emotional betreffende Fragen thematisiert werden, z.B. zu  den aktuellen Themen der Ressourcenverknappung, der häufigen Struktur- und Personalveränderungen und der damit auch sich wandelnden Vorstellungen von professioneller Qualität. Organisationssupervision liefert hier ein die Dynamik und Struktur der Organisationen genau beachtendes Instrument, das sowohl MitarbeiterInnen als auch Führungskräfte nutzen können, um im Anschluss an die gemeinsame Analyse der oft konfliktreichen Situationen und Interaktionen an Perspektiven für das weitere Handeln zu arbeiten.

Ein zentraler Aspekt wirksamer Arbeit in achtsamen Organisationen besteht heute in der professions- und hierarchieübergreifenden Kooperation zwischen Bereichen, Berufsgruppen und Führungskräften. Wie anspruchsvoll der professionsübergreifende Dialog in der Praxis ist, zeigte sich auch in der Tagung. Die Öffnung für andere professionelle und disziplinäre Perspektiven erfordert, dass man die professionellen Wissensbestände, Handlungsmuster, Werte und Kulturen – also all das, was dem eigenen professionellen Handeln Sicherheit verleiht – in seiner disziplinären Begrenztheit akzeptieren muss, um anderen Perspektiven ein Recht und einen Wert einzuräumen. Dies ist auf der Tagung gut gelungen, wobei konstatiert werden kann, dass nicht nur die Gemeinsamkeiten, sondern vor allem auch die Unterschiede zwischen Arbeitswissenschaft und Supervision deutlicher geworden sind. Das allerdings hat die Neugierde auf das, was die anderen Anderes tun, größer werden lassen.

Unterstützt wurde die Tagung von der DGSv, aus deren Vorstand Prof. Dr. Brigitte Geißler-Piltz, Theresia Volk sowie Prof. Frank Austermann anwesend waren. Beteiligt hat sich auch die Zeitschrift “Supervision”, die seit über 30 Jahren den fachlich-wissenschaftlichen Diskurs in der reflexiven Beratung entscheidend prägt. Von arbeitswissenschaftlicher und arbeitspsychologischer Seite waren vor allem Vertreter/innen einer sozialwissenschaftlich orientierten Arbeitswissenschaft von den Universitäten Hannover, Dortmund, München, Magdeburg – und natürlich Bremen vertreten.

Einige der Teilnehmer/innen aus Österreich und den südlichen Bundesländern waren erstmals in Bremen. Sie genossen die spätsommerliche Sonne, den Blick vom Teerhof über die Weser, das Essen in Bremens ‚guter Stube‘ am Marktplatz und nicht zuletzt das offene und inspirierende Gesprächsklima, für das die Moderatoren/innen (Prof. Dr. Eva Senghaas-Knobloch, Dr. Simone Hocke und Roland Kunkel) sorgten. Der Austausch wird fortgesetzt, gemeinsame wissenschaftlich-beraterische Projekte sind angedacht.