Wir und die Anderen

Über Polarisierungen, kollektive Identitäten und Supervision, die den Menschenrechten verpflichtet bleiben muss

Polarisierungen sind in der gesellschaftlichen Diskussion momentan allgegenwärtig. „WIR“ und „DIE ANDEREN“ werden zunehmend – und zunehmend aggressiv – als einander entgegengesetzte, völlig unterschiedliche Interessen verfolgende Großgruppen bzw. kollektive Identitäten konstruiert. Diese Polarisierungen treten auch in Supervisionszusammenhängen auf – und mittlerweile sogar in Praxisfeldern, die man bisher für relativ immun gegen allgemeine Ressentiments halten konnte, wie bspw. Gesundheit und Pflege, Sozialpsychiatrie oder Hochschulwesen. Woher kommen diese Polarisierungen und wie kann man ihnen in Supervisionsprozessen begegnen, fragt sich und uns Beate Mitzscherlich.

Sicher ein entscheidender Aspekt: Auch in unserer wohlhabenden und vergleichsweise abgesicherten Gesellschaft gibt es Menschen, welche die permanent anwesende Gefahr sozialen Abstieges oder der Bedrohung sozialer Identität spüren und beschreiben. Solche Erfahrungen und Gefühle von „fundamentaler Ent-Eignung und Ent-Wertung“ müssen auch in der Supervision zur Sprache kommen. Es geht dabei u.a. um Realerfahrungen von Enteignung und Ent-Fremdung. Es geht auch um die Anerkennung von berechtigten Gründen für Wut oder Zorn. Und es geht um die Frage: Was hält Gruppen und Gemeinschaften (im Innersten) zusammen, welche Handlungen, Rituale, Prozesse?

Die Konsequenz laut Mitzscherlich: Zu einer Überwindung von Polarisierung braucht es die Anerkennung von Differenz auf der Basis der An-Erkennung von Menschen-Rechten (Recht auf Bildung, Recht auf Gesundheitsversorgung, Recht auf existenzsichernde Arbeit, Recht auf Unverletzlichkeit der Person). Supervision, die sich diesen Grundrechten verpflichtet fühlt, sollte dort, wo sie Polarisierungen beobachtet, unbedingt die Gerechtigkeitsfrage stellen: Wie gerecht sind Arbeit, Einkommen, Zugang zu Ressourcen, Risiken und Anerkennung in Organisationen verteilt; und wie können Ent-Fremdung und Ent-Solidarisierung überwunden werden.

Dieser Text ist die Essenz von Beate Mitzscherlichs Vortrag: „Fremdheit und Identität aus entwicklungspsychologischer und kulturanthropologischer Sicht“, gehalten in der Evangelische Akademie Tutzing am 16. März 2017.

Abstract (PDF)


Ausführlicher Vortragstext

Beate Mitzscherlich
Wir und die Anderen (PDF – JS 2/2017)
– Polarisierungen und kollektive Identitäten

Prof. Dr. Beate Mitzscherlich ist Professorin für Pflegeforschung an der Westsächsischen Hochschule Zwickau, einer ihrer Forschungsschwerpunkte heißt: Identitätskonstruktionen und Beheimatungsprozesse. Sie ist außerdem aktiv in Supervision, Training, Beratung sowie Weiterbildung im Bereich von Bildung, Gesundheit, Jugend- und Sozialwesen.